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Stressoren als Tauchgangsverderber

Der riesige Frachtraum der auf der Seite liegenden Autofähre liegt wie eine große Halle vor Daniela. Durch die Fenster über ihr beleuchtet die Sonne das Innere wie mit Spotscheinwerfern, ihre Tauchlampe und die der beiden anderen Taucher verlieren sich in der Ferne.

Trotz der hervorragenden Sicht und des Lichteinfalls von oben merkt Daniela, dass sie nicht entspannt ist. "Es ist wirklich kein Problem, wir schwimmen rein, einmal durch, hinten am Bug müssen wir dreimal abbiegen, dann sind wir auch schon wieder draußen, das ideale Wrack für einen ersten echten Wracktauchgang," hat ihr Michaela vor dem Tauchgang gesagt. Sie wollte nach drei Tauchgängen am Äußeren des Wracks ja auch unbedingt nach innen, aber dennoch ? irgendetwas nagt leicht an ihr.

Furcht? Zweifel? Sie kann es nicht genau bestimmen, spürt aber, wie die innere Unruhe langsam zunimmt. Daniela hält kurz inne und sieht sich um. Hinter ihr flutet das Licht durch das gähnende Loch der offenen Laderampe in den Frachtraum. Sie hat drei Viertel des Laderaums durchquert, sollte sie umkehren? Besser noch, einfach hochtauchen und durch die Fenster hinaus, die groß genug waren, um zwei Taucher gleichzeitig durchzulassen? 'Sei nicht albern, du wolltest doch unbedingt rein, jetzt schaffst du auch das letzte Stück!' Mit diesem Gedanken schließt Daniela wieder zu Michaela und Torsten auf.

Panikfaktor Stress

Am Anfang des Weges, der in die Panik mündet, steht meistens Stress. Dieser wird definiert als eine von außen durch sogenannte Stressoren einwirkende Belastung auf den Menschen, die entweder physikalischer oder psychischer Natur sein können. Physikalische Faktoren beim Tauchen können Kälte, Dunkelheit, schlechte Sicht, aber auch Strömung oder Probleme mit der Ausrüstung, sein.


Tauchen ohne optische Anhaltspunkte kann zu Desorientierung führen.

Zu den psychischen Stressoren beim Tauchen zählt man die Konfrontation mit Unbekanntem, beispielsweise Tauchen an einem unbekannten Ort oder in ungewohnter Tiefe, aber auch die eigene Verfassung, wie Probleme zu Hause oder bei der Arbeit. Nicht zu vergessen sind aber auch chronische Stressbelastungen, die beispielsweise durch Überarbeitung entstehen können. Hierbei kommt es häufig zu einer Stress-Sensibilisierung, die dazu führt, dass zusätzlich auftretende Stressoren eine deutlich stärkere Reaktion auslösen als bei Personen, die nicht stressmäßig vorbelastet sind. Gerade beim Tauchen lauert hier eine oft unterschätzte Gefahr, denn geht man zur Entspannung tauchen, um dem Stress des Alltags zu entkommen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man auf Stress sensibilisiert ist.

Evolutionäre Überlebenshilfe

Betrachtet man Stress aus der Evolution heraus, handelt es sich dabei eigentlich um etwas Gutes, denn er soll uns befähigen, auf eine unbekannte oder gefährliche Situation zu reagieren: durch Kampf, Flucht, oder Erstarrung. Kein Wunder, dass auch die organischen Reaktionen auf Stress entsprechend sind:

  • Die Pupillen erweitern sich.
  • Die Schlagfrequenz und das Schlagvolumen des Herzens werden gesteigert, was zusammen mit der Verengung der herznahen Blutgefäße zu einer Erhöhung des Blutdrucks führt.
  • Gleichzeitig werden die Blutgefäße an den Muskeln erweitert, sodass diese besser durchblutet werden.
  • Durch verstärkte Atmung und eine Erweiterung der Bronchien soll der ansteigende Sauerstoffbedarf gedeckt werden.
  • Die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit wird durch die erhöhte Produktion von Hormonen wie Adrenalin und Thyroxin gefördert, mögliche Verletzungsschmerzen durch die Ausschüttung von Endorphinen unterdrückt.

Ablauf der Stressreaktion

Wie genau die Stressreaktion abläuft, ist dabei höchst individuell und hängt von sehr vielen Faktoren ab. Deshalb reagieren Menschen auf die gleichen Stressoren sehr unterschiedlich, denn diese werden von unserem Organismus bewertet, um eine angemessene Reaktion herbeizuführen. Es werden nicht nur die äußeren Faktoren und ihre Intensität einbezogen, sondern auch die inneren, also die Ressourcen, die der Körper zur Verfügung hat, und die individuellen Fertigkeiten.

Dies alles läuft unbewusst ab, d.h. die Vorgänge werden direkt vom Organismus gesteuert, bis hin zur Auswahl der Reaktion auf das Ergebnis der Bewertung. Bereits an Land kann es dabei zu Fehleinschätzungen kommen, sodass beispielsweise die Reaktion auf die Situation nicht angemessen ist oder sie sogar verschlimmert. Im Wasser stellt sich zusätzlich das Problem, dass wir nicht auf diese Umgebung programmiert sind, d.h. die Reaktion ist mit großer Wahrscheinlichkeit die falsche, wie beispielsweise die Flucht an die Oberfläche.

Panik - die Kapitel:

Einleitung
Stressoren als Tauchgangsverderber
Die Angst im Nacken
In blinder Panik


           
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